Hotspot

Mitten hindurch – Teil davon werden

Kottbusser Tor Schlesisches Tor

Der Ort

Lässt sich die Radbahn auch in Bahnhöfe mit Mittelabgänge integrieren, wie Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof aufweisen? Wie überqueren wir generell diese beiden urbanen Hotspots? In diesem Kapitel werden wir neben technisch-verkehrsplanerischen Lösungsvarianten auch auf Milieu, Sozialräume sowie Kunst entlang der Strecke eingehen.

Die Route

Vom Kreisverkehr am Kotti bis zum Görlitzer Bahnhof – über die gesamte Strecke halten wir uns zentral im Schutze der Hochbahn. Am Görli angekommen, könnte man mit einigen Umbauten der Treppenabgänge mitten durch den Bahnhof fahren, aber schon wenige Meter weiter gibt es Engpässe mit steinernen Viaduktstützen. Wir schlagen vor, den Raum an dieser Stelle lieber für Freiluftkunst, Markt und lokales Gewerbe freizumachen und für knapp 400 Meter mit der Radbahn nördlich der Hochbahn auszuweichen. Am Lausitzer Platz fädelt sich die Strecke dann wieder problemlos in ihre gewohnte Spur ein.

Schnitt durch das Kottbusser Tor

Zur verkehrstechnischen Eingliederung der Radbahn ist zu beachten, dass das Kottbusser Tor nur städtebaulich ein Kreisplatz ist, verkehrstechnisch aber eine Folge von durch Lichtsignalanlagen geregelten Zufahrten. Das erleichtert die Berücksichtigung der mittig geführten Radbahn analog einer Stadtbahn mit LSA-Phasen parallel zum Kfz-Hauptverkehr oder bei Bedarf durch eigene Sonderphasen.

Der verkehrstechnische Anpassungsaufwand ist also gering und die städtebaulichen Potenziale hinsichtlich Aufenthalt und Verknüpfung enorm. Hier kann ein einzigartiges Ausrufezeichen für eine moderne und intelligente Nutzung von bisher problematischem Stadtraum gelingen! Wird die Mittelinsel belebt, entsteht ein neuer durchmischter Sozialraum.

Sozialraum Radbahn

Die Radbahn ist nicht nur Verkehrs-, sondern auch Begegnungsraum. Sie ist ein Menschen und Stadtteile verbindendes Projekt, dessen politische Stärke für die Stadtentwicklung im Unterstreichen der räumlichen Besonderheiten liegt. Unser Konzept zu neuen lebendigen Sozialräumen entlang der Strecke basiert auf drei Strategien.

  1. Die eigentliche Radstrecke ist selbst ein Sozialraum, in dem man sich auf dem
    Rad oder an Haltepunkten begegnet.
  2. Zusätzliche Sozialräume wie beispielsweise den „Möckernstrand“ (siehe
    Kapitel Am Wasser) definieren wir mit unserer Planung.
  3. Unsere Planung belässt an vielen Stellen bewusst undefinierte Stadträume,
    die AnwohnerInnen oder Kunstschaffende sich aneignen können und wechselnd
    nutzen. Mit etwas Fantasie lassen sich ein paar überdachte Quadratmeter in
    eine Bühne oder ein Boule-Spielfeld verwandeln.

Kottbusser Tor

Dieser geschichtlich und städtebaulich besondere Ort hat einen einmaligen Charakter und galt bis vor kurzem als gelungenes Beispiel für ein multiethnisches Sozialsystem.
Heute klagen lokale Akteure aber über Drogenhandel, Raub und Gewalt auf offener Straße und sehen das multikulturelle Neben- und Miteinander stark gefährdet. Doch die vielfach beschworene Abwärtsspirale kann durchbrochen werden und eine andere Form der Platzgestaltung kann ein wichtiges Element dabei sein!
Ziel sollte hier sein, eine neue Aufenthaltsqualität zu schaffen, das Kotti als Sozialraum zu reaktivieren und dadurch seinem Missbrauch entgegenzuwirken. So lassen sich Verständnis und Vertrauen untereinander herstellen, der Ort von der ansässigen Community zurückerobern und ein Wiederaufleben der positiv behafteten multikulturellen Identität erreichen.

Kulturfläche Kottbusser Tor

Der Raum unter der Bahn als Kulturfläche

Vom Görlitzer Bahnhof bis zum Lausitzer Platz

Auf dem überdachten Mittelstreifen zwischen Görlitzer Bahnhof und Lausitzer Platz lassen wir Raum für temporäre Nutzungen. Hier könnten Märkte oder auch fliegende Bauten für lokale Entrepreneurs entstehen. Die Plätze könnten von der bezirklichen Verwaltung in einfachen Konzeptverfahren zu einer geringen Miete vergeben werden.

Straßenmarkt unter dem U-Bahn Viadukt

Die Kunsthalle zum Durchradeln

Entlang der zukünftigen Radbahn-Strecke finden sich bereits heute viele Kunstwerke. Insbesondere weltberühmte Graffiti-Künstler haben sich hier verewigt. Wir respektieren das und wollen Kunst darüber hinaus fördern. Bereits seit 1963 gibt es in Stockholm ein sehr interessantes Konzept der Kunstförderung – das sogenannte „Ein-Prozent-Gesetz“ legt dort fest, dass ein Prozent der Gesamtkosten eines Bauvorhabens (einschließlich Neubau, Umbau und Erweiterung) öffentlich zugänglichen Kunstwerken bzw. den KünstlerInnen zugute kommen. An der Radbahn wollen wir diese Idee übernehmen und empfehlen, die Ein-Prozent-Regelung anzuwenden, ausgeschrieben über einen öffentlichen Wettbewerb und entschieden von einer Fachjury.

Ausschnitt: Vom Görlitzer Bahnhof bis zum Lausitzer Platz

Kreuzung Görlitzer Bahnhof

Der Knotenpunkt am Görlitzer Bahnhof ist historisch kompliziert gewachsen. Zur ursprünglichen ost-westlichen Straßen und Bahnführung entlang der Akzisemauer kam im Zuge der Stadterweiterung und Bebauung des Köpenicker Feldes eine rechtwinklige Kreuzung der Oranien- bzw. Wiener Straße mit der Manteuffelstraße hinzu. Da die Skalitzer Straße zweibahnig ist, ergeben sich acht Zu- und Ausfahrten. Es ergeben sich spitze Kreuzungswinkel, hinzu kommen die Einbauten für die U-Bahn in Hochlage, verteilt über einen besonders groß aufgeweiteten Knotenpunkt.

Kreuzung Skalitzer Straße , Wiener Straße/ Oranienstraße und Manteuffelstraße

Die Verknüpfung mit den Radverkehrsanlagen in den vielen Zufahrten ist überraschend unproblematisch, wenn man kontinuierlich das Prinzip der Radbahn als bauliche Abgrenzung aber verkehrstechnische Begleitung des Kfz-Hauptstromes anwendet. Durch das Nebeneinanderlegen von durchgehender Radbahn und begleitenden Erschließungs Radverkehrsflächen im Kreuzungsbereich ergeben sich zahlreiche Aufstellfächen für indirektes oder auch direktes Linksabbiegen des Radverkehrs, immer eingetaktet in die LSA- Phasenfolge kurz bevor der entsprechende Kfz-Strom Grün erhält. Durch die klare Führung des Radverkehrs in allen Zufahrten wird die Sicherheit und Ordnung des fließenden Verkehrs an einem bisher eher durch „Wildwuchs“ gekennzeichneten Knotenpunkt verbessert. Die Streckenführung der Radbahn nördlich am Aufgang des Görlitzer Bahnhofs vorbei ist ein Vorschlag – baulich möglich ist auch, dass die Aufgänge zum Bahnhof sich spreizen, so dass die Radbahn in der Mitte hindurch fahren kann.